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Wie viel Wasser verlässt Norddeutschland? — Und was wäre speicherbar?

19.09.2026


Analyse aus Ordner 10_fluesse_klimawandel_speicher — für Nicht-Wissenschaftler erklärt.


Die Frage

In Norddeutschland regnet es im Schnitt ~640 mm pro Jahr. Was passiert mit diesem Wasser? Wie viel fließt ab — und könnte man einen Teil zurückhalten, um Dürren zu überbrücken, statt alles ins Meer zu leiten?

Die Daten

Größe Quelle Zeitraum
Niederschlag (P) ERA5-Land (CDS), Gebietsmittel 2021–2026
Abfluss (run) E-HYPE (SMHI/CDS), ECMWF-s51, Mittel über Box 2021–2026
Referenz-Verdunstung AgERA5 (CDS) FAO56, Gebietsmittel 2021–2026
Flussabfluss (rdis) E-HYPE, beide Modelle (ECMWF-s51 + EFAS-Meteo) 2021–2026

Untersuchungsgebiet: Nordniedersachsen (Breite 52,4–54°N, Länge 7,1–11,1°O) — dieselbe Box wie in Ordner 03.

Die Wasserbilanz

Die klassische Bilanz: Niederschlag = Abfluss + Verdunstung + Speicherung

Jahr P (mm) Abfluss (mm) Rest (Verdunstung+Speicher)
2021 901 241 660
2022 607 250 357
2023 561 376 185
2024 897 395 501
2025 680 187 493
Median 644 245 (38 %) 425 (66 %)

Das Ergebnis: ~38 % des Niederschlags fließen oberflächlich ab. (Beide Modelle — ECMWF-s51 und EFAS — stimmen hier fast exakt überein: 245 vs. 243 mm. Das erhöht das Vertrauen in die Zahl.)

Zur Einordnung der 66 % Rest: Das ist NICHT nur Speicherung. Es ist vor allem echte Verdunstung (Pflanzen + Boden) und ein kleiner Teil Grundwasserneubildung. Die gemessene „Referenz-Verdunstung” (FAO56, 729 mm) ist nur eine theoretische Obergrenze — die reale Verdunstung liegt darunter, weil Böden und Pflanzen nicht immer ideal feucht sind. Deshalb „fehlt” in der Bilanz nichts: P = Abfluss + reale Verdunstung + Versickerung/Speicherung.

Das Speicher-Potenzial

Von den 644 mm/Jahr fließen ~245 mm ab. Rechenbeispiel:

Szenario Zurückgehalten Effekt
5 % des Abflusses ~12 mm/Jahr 120 m³/ha · Jahr
10 % des Abflusses ~24 mm/Jahr 240 m³/ha · Jahr
10 % über eine 5×5-km-Zelle ~610.000 m³/Jahr ≈ ein mittelgroßer See

Ehrliche Einordnung: Nicht der ganze Abfluss ist „zurückhaltbar” — Flussökologie, Deichsysteme und Böden setzen Grenzen. Aber die Größenordnung zeigt: Schon 10 % des Abflusses würden reichen, um pro 5-km-Zelle mehr als 600.000 m³ Wasser pro Jahr im Land zu halten — für Grundwasserneubildung, Trockenzeit-Puffer und Hochwasserschutz. Das ist der quantitative Kern der Debatte „Speichern statt Ableiten”.

Methode & Skripte

  • wasserbilanz.py / wasserbilanz_mm.py — monatliche Bilanz in mm (Mittelwert über Box, NICHT über Zellen summieren — das Routing würde mehrfach zählen!)
  • flussaer_abfluss_ins_meer.py — früher Ansatz (Mündungszellen), wegen fehlender Kalibrierung verworfen — nur als Lern-Historie nützlich
  • gesamtabfluss_norddeutschland.py — früher Ansatz (Summe aller Zellen), verworfen (Mehrfachzählung des Flussroutings)

Stolpersteine, die wir dabei gelernt haben:

  1. rdis ist der Abfluss pro Zelle — Summen über das Flussnetz zählen Wasser mehrfach (falsche „Mrd. m³”). Die saubere Methode ist der Mittelwert in mm über die Fläche.
  2. run und rdis darf man NICHT addieren — rdis enthält das geroutete Wasser, run den lokalen Oberflächenabfluss; zusammen wäre es doppelt.
  3. Die Referenz-ET (FAO56) ist keine reale Verdunstung, sondern eine Obergrenze — mit ihr rechnet man keine exakte Bilanz.
  4. Die Zeitstempel der drei Quellen sind unterschiedlich (Monatsanfang vs. Monatsende) — vor dem Zusammenführen auf Monatsanfang normieren.