Bewässerung im Klimawandel — Wie viel Wasser braucht der Acker, und was passiert mit dem Grundwasser?
19.09.2026
Bewässerung im Klimawandel — Wie viel Wasser braucht der Acker, und was passiert mit dem Grundwasser?
Artikel zu Ordner 09_ki_model_prediction — für Nicht-Wissenschaftler erklärt.
Kein Blackbox-KI-Modell, sondern eine nachvollziehbare Wasserbilanz auf Basis
unserer eigenen Daten (AgERA5, ERA5-Land, CMIP6-Projektion aus Ordner 08).
Teil 1: Der Bewässerungsbedarf der Sommermonate
Die einfache Bilanz pro Sommer (Juni–August):
Bewässerungsbedarf = Verdunstung der Pflanzen − Niederschlag
- Verdunstung: Referenz-Verdunstung (FAO56, gemessen, AgERA5) × Kulturfaktor (Grünland = 1,0; Mais wäre ~1,2)
- Niederschlag: gemessen (AgERA5) bzw. projiziert (CMIP6)
- Kein Bodenpuffer als Ausgleich: Das wäre eine Doppelzählung — die beobachtete Bodenfeuchte ist das Ergebnis des Wasserdefizits, nicht eine Quelle, die es ausgleicht. (Ein häufiger Denkfehler, den wir erst selbst gemacht und korrigiert haben!)
Das Ergebnis (mm pro Sommer, 1 mm = 10 m³/ha):
| Szenario | Bedarf (mm) | m³/ha | Methode |
|---|---|---|---|
| Referenz 1991–2020 | 106 | 1.062 | Beobachtung (gemessene FAO56-ET) |
| 2015–2024 | 120 | 1.203 | Beobachtung (gemessene FAO56-ET) |
| 2003 (Dürre) | 232 | 2.320 | Beobachtung |
| 2018 (Dürre) | 283 | 2.827 | Beobachtung |
| 2022 (Dürre) | 227 | 2.270 | Beobachtung |
| Projektion 2040er | 156 | 1.561 | Modell (kalibrierte PET) |
| Projektion 2090er | 244 | 2.439 | Modell (kalibrierte PET) |

⚠ Wichtig zum Lesen dieser Tabelle — kein direkter Vergleich der Zeilen! Die Beobachtungs-Werte (Zeilen 1–5) nutzen die gemessene FAO56-Verdunstung, die Projektions-Werte (Zeilen 6–7) die modellierte Thornthwaite-Verdunstung (kalibriert im Überlappungszeitraum). Beide sind nur innerhalb ihrer Methode vergleichbar — wer “106 vs. 156” direkt vergleicht, vermischt gemessen und modelliert (ein Methodenbruch, den wir zuerst selbst begangen und korrigiert haben).
Was die Projektion zeigen (modell-intern verglichen):
| Periode (Projektion) | Bedarf |
|---|---|
| 2015–2024 (Modell-Basis) | 175 mm |
| 2040er | 156 mm |
| 2090er | 244 mm |
Bis ~2060 bleibt der Bedarf auf ähnlichem Niveau — und das ist die überraschende, aber ehrliche Erkenntnis: Die Temperatur steigt bis 2040 deutlich (+1,9 K), aber die Niederschlags-Projektion bleibt nahezu konstant (mit natürlichen Schwankungen — die 2040er liegen zufällig in einem etwas feuchteren Fenster). Der Bewässerungsbedarf explodiert erst ab ~2060, wenn die steigende Verdunstung den Regen endgültig überholt.
Die drei Kernaussagen:
- Ein Normal-Sommer braucht ~1.000 m³ Wasser pro Hektar zusätzlich — ein Dürre-Sommer wie 2018 fast dreimal so viel (~2.800 m³/ha).
- Die Dürrejahre stechen klar heraus: 2003, 2018 und 2022 sind die Spitzen — das Modell bildet die realen Ereignisse korrekt ab.
- Der Klimawandel ist ein Temperatur-Problem mit Verzögerung: Bis 2040 kompensiert der (projiziert) konstante Regen die höhere Verdunstung noch; ab 2060 steigt der Bedarf stark (244 mm im 2090er-Mittel) — das Niveau des Dürrejahres 2018 wird zum Normalfall.
Teil 2: Was passiert mit dem Grundwasser?
Ehrliche Antwort vorab: Eine belastbare Zahl für die Grundwasser-Absenkung können wir mit den Daten NICHT berechnen. Dafür bräuchte man ein Grundwasser-Bilanzmodell (Neubildung über Jahre + Entnahme + Zufluss aus dem Einzugsgebiet). Jede einfache Formel (Absenkung = Entnahme / Speicherkoeffizient) wäre eine Scheinpräzision.
Was wir stattdessen BELEGT zeigen können (mit echten Messungen):
-
Die Grundwasserstände reagieren messbar auf Dürrejahre. Die NLWKN-Pegel bei Höfer und Eimke (Ordner 11) zeigen nach den Dürre-Sommern 2018 und 2022 klare Absenkungen — und sie erholen sich wieder in nassen Wintern. Der Zyklus “Sommer-Defizit → Winter-Auffüllung” ist real gemessen.
-
Die Bewässerung trifft auf schrumpfende Puffer. Die Wasserbilanz (Ordner 08) zeigt: Die Winter-Neubildung (+425 bis +477 mm) gleicht die Sommer-Defizite heute noch aus — aber der Puffer schrumpft bis 2090 um ~30 % (+247 → +172 mm Jahresbilanz).
-
Das Problem ist die Serie, nicht der Einzelsommer. Mehrere trockene Sommer hintereinander (wie 2018–2023) überfordern die Winter-Auffüllung — dann wird der Grundwasservorrat angezapft. Genau das zeigen die Messkurven: Die 2018–2023-Episode war die längste Dürre der Beobachtungsreihe (Ordner 08, 60 Monate).
FAZIT:
Ob die Bewässerung nachhaltig ist, entscheidet nicht ein einzelner Sommer, sondern die Bilanz über Jahre: Wenn trockene Sommer häufiger werden (Projektion) und die Winter-Auffüllung schwächer (schrumpfender Puffer), gerät das Grundwasser unter Druck — messbar an den Pegeln nach 2018/2022. Eine konkrete cm-Zahl wäre hier unseriös — die Richtung ist es nicht.
Das hätte gravierende Folgen: Brunnen würden trockenfallen, Flüsse würden weiter absinken (Grundwasser speist sie), und der Winter müsste erst mehrere Jahre lang überdurchschnittlich nass sein, um das auszugleichen.
Teil 3: Was folgt daraus?
-
Bewässerung „wie bisher” ist in Dürrejahren nicht nachhaltig: Die nötige Menge (2.800 m³/ha) übersteigt die natürliche Speicher- und Erholungsfähigkeit des Grundwassers. Wer 2018-artige Sommer mit Grundwasser bewässert, verschiebt das Problem nur: oben auf dem Acker wächst es, unten im Grundwasser sackt es ab.
-
Die Projektion verschärft es: Bis 2090 wäre der 2018er-Sommer der Durchschnitt — dann ist die „Wasser-Grundversorgung” des Ackerbaus ohne Umstellung nicht mehr haltbar.
- Die Alternativen, die unsere Daten nahelegen:
- Wasserrückhalt (Ordner 10): 10 % des Abflusses speichern = 610.000 m³ pro 5-km-Zelle und Jahr — genau die Menge, die ein Dürre-Sommer auf ~200 ha zusätzlich braucht.
- Boden als Speicher (Ordner 04/11): Sand speichert wenig, Lehm mehr — Humusaufbau und Bodenverbesserung erhöhen die Feldkapazität und senken den Bewässerungsbedarf.
- Bewässerung effizienter: Tröpfchen statt Beregnung, nächtliche Gaben — die Menge bleibt gleich, aber die Verluste sinken.
- Ehrlichkeit schützt vor Angreifbarkeit: Das Modell ist bewusst einfach (ET − P, ein Kulturfaktor, keine Bodenphysik). Es ist eine Größenordnung für den Bewässerungsbedarf, keine Feld-genaue Vorhersage — aber die Größenordnung (2–3× Bedarf in Dürrejahren, Projektion bis auf 2018er-Niveau) ist robust gegen die Parameter, die wir variiert haben. Für die Grundwasser-Folge verzichten wir bewusst auf cm-Zahlen — sie wären ohne Fachmodell Scheinpräzision.
Methode & Quellen
- Beobachtung: AgERA5 (CDS) — Referenz-ET (FAO56) und Niederschlag, Gebietsmittel, 1990–2026
- Projektion: CMIP6 IPSL-CM6A-LR, Szenario ssp4-6.0 (Ordner 08) —
Verdunstung nach Thornthwaite (temperaturbasiert, bias-korrigiert),
Niederschlag direkt aus
pr - Grundwasser: NLWKN-Messungen (Ordner 11) für die Einordnung der natürlichen Schwankung — bewusst OHNE Absenkungs-Formel (Scheinpräzision)
- Skript:
bewaesserungsmodell.py, Daten:bewaesserungsbedarf.csv
Gelernte Stolpersteine (dokumentiert!):
- RZSM als „Bodenpuffer” einzusetzen ist eine Doppelzählung — die gemessene Bodenfeuchte ist das Ergebnis des Defizits, nicht ein Ausgleich.
- Tagesreihen dürfen beim Hochrechnen auf Monate nicht dreifach gezählt werden (ET × Tage × Tage — unser erster Fehler, 3× zu hoch).
- Die erste Modellversion (mit Bodenpuffer) ergab absurde Werte (1488 mm) — erst die saubere Bilanz ET − P liefert die plausiblen Zahlen, die sich mit den realen Dürrejahren decken.