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Norddeutschland 2040 und 2099 — Was die Klimamodelle projizieren

19.09.2026


Artikel zu Ordner 08_projektionen_bis_2040 — für Nicht-Wissenschaftler erklärt. Alle Zahlen: CMIP6-Klimamodell IPSL-CM6A-LR, Szenario ssp4-6.0, Gebietsmittel über Norddeutschland (50–55°N, 5–15°O).


Die wichtigste Vorwarnung: Projektion ist keine Vorhersage

Ein Klimamodell rechnet kein „Schicksal”, sondern ein Szenario: „Wenn sich die Welt so entwickelt wie angenommen (hier: ungleiche Welt, hohe Emissionen, ~3 °C bis 2100), dann sieht die Rechnung so aus.” Die korrekte Formulierung ist immer: „Bei Szenario ssp4-6.0 berechnet das Modell …” — nie „das Modell sagt voraus”.

Alle Zahlen hier basieren auf einem Modell und einem Szenario — sie sind eine Einordnung der Größenordnung, kein Ensemble-Mittelwert.


1. Die Temperatur bis 2040 und bis 2099

K = Kelvin

Zeitpunkt Jahresmittel (°C) gegenüber Referenz 1991–2020 (9,7 °C)
Referenz 1991–2020 (Beobachtung) 9,7 —
2015 (Projektionsstart) 10,8 +1,1 K
2040 11,6 +1,9 K
2099 14,2 +4,5 K

Projektion bis 2040

Kernaussage: Bis 2040 rechnet das Modell mit rund +1,9 K gegenüber 1991–2020 — konsistent mit den Erwartungen für Mitteleuropa. Bis 2099 wird daraus +4,5 K. Bis ~2040 unterscheiden sich die Szenarien übrigens kaum — die Divergenz beginnt erst nach 2050.


2. Wie sieht der Sommer dann aus?

Gemessen am Hochsommer-Mittel (Juni–August) und den Tages-Maxima (bias-korrigiert). Die heißen Tage werden pro Gitterzelle gezählt und über die Zellen der Region gemittelt — so gehen auch lokale Spitzen ein, die ein reines Gebietsmittel verschlucken würde.

Periode Hochsommer-Mittel Heiße Tage (≥ 30 °C) Extreme Tage (≥ 35 °C)
Referenz 1991–2020 (Beobachtung) 17,7 °C 4,0/Jahr (max 12 in 2018) 0,1/Jahr
Heute 2015–2024 19,3 °C 5,3/Jahr 0,2/Jahr
2040er ~19,5–21 °C 11,5/Jahr 1,1/Jahr
2090er 22,9 °C 34,3/Jahr 9,1/Jahr

Sommer-Projektion Heiße Tage

Übersetzt in Alltagssprache:

  • Der Hitzesommer 2018 (12 heiße Tage über 30 °C im Zellen-Mittel) war in der Beobachtungsreihe das Extrem. Im 2090er-Durchschnitt werden es rund 34 heiße Tage pro Jahr — der 2018er-Extremsommer wäre dann der Normalsommer.
  • 35-°C-Tage gab es zwischen 1991 und 2020 praktisch nie (0,1 pro Jahr im Zellen-Mittel). Im 2090er-Szenario werden sie regelmäßig (~9 pro Jahr).
  • Schon bis 2040 fast verdreifacht sich die Zahl der heißen Tage (4,0 → 11,5) und 35-°C-Tage werden messbar (1,1/Jahr).

⚠ Wichtig — die Bias-Korrektur: Das Klimamodell war zunächst um 1,7 K zu kalt gegenüber den Beobachtungen (ein typischer Modellfehler). Wir haben die Projektion deshalb um diesen Bias korrigiert, bevor wir gezählt haben — sonst wären die heißen Tage massiv unterschätzt. Im Artikel heißt das: „bias-korrigiert”.


3. Was wird aus dem Wasser? — Dürren und die Rolle des Winters

Die Sommerbilanz: Es regnet weiter — aber es verdunstet mehr

Überraschender Befund aus den Daten: Die Niederschlags-Projektion bleibt bis 2060 nahezu konstant (901 → 915 → 933 mm/Jahr). Die Trockenheit kommt also nicht aus „weniger Regen”, sondern aus mehr Verdunstung durch die steigende Temperatur.

Schon heute ist die Wasserbilanz (Regen minus Verdunstung) in 96 % der Sommermonate (Mai–September) negativ — es verdunstet mehr, als regnet. Das ist normal und der Winter gleicht es aus. Die Frage ist: Kann der Winter das weiterhin? Ja — aber mit weniger Puffer:

Periode Winter (Okt–März) Sommer (Apr–Sep) Jahresbilanz
Heute (2015–2024) +425 mm −179 mm +247 mm
2040er +406 mm −165 mm +241 mm
2090er +477 mm −305 mm +172 mm

Das heißt:

  • Gute Nachricht: Der Winter füllt die Grundwasserspeicher weiterhin auf (das sehen wir auch in den Messungen, Ordner 11 — die Pegel erholen sich nach jeder Dürre).
  • Schlechte Nachricht: Der Sommer-Puffer schrumpft. Das Defizit des Sommerhalbjahres verdoppelt sich fast (−179 → −305 mm) und die Jahresbilanz verliert ~30 % ihres Überschusses. Mehrere trockene Sommer hintereinander können den Winter-Puffer überfordern — genau das sehen wir seit 2018.

Wie lange können Dürren dauern?

Der aus Beobachtung + Projektion berechnete Dürreindex (SPEI48) liefert diese grobe Einordnung.

Zuerst eine wichtige Begriffsklärung — was „Dürre” hier NICHT heißt: „Dürre” im SPEI48 bedeutet nicht, dass es gar nicht regnet. Der SPEI48 ist die kumulierte Wasserbilanz der letzten 48 Monate (Niederschlag minus Verdunstung). Er misst also: „Wie groß ist das Wasser-Defizit, das sich über die letzten 4 Jahre angesammelt hat?”

Das erklärt, warum auch nasse Winter „Dürre” bleiben können. In der 60-monatigen Dürre-Episode 2018–2023 regnete es in den Wintern sogar überdurchschnittlich (Ø 2,5 mm/Tag statt 1,6 mm/Tag im Referenzzeitraum 1991–2020). Trotzdem zeigte der SPEI48 in denselben Wintern Werte von −1,4 bis −2,5 („schwere Dürre”). Warum?

  1. Die Sommer 2018–2022 waren so heiß, dass die Verdunstung enorme Defizite aufriss.
  2. Diese Defizite kumulieren sich im 48-Monats-Fenster wie eine Hypothek — ein normaler (oder sogar nasser) Winter füllt den Boden, aber nicht das über vier Jahre angehäufte Loch.
  3. Erst wenn mehrere nasse Winter hintereinander kommen (wie 2023/24), sinkt das 48-Monats-Defizit unter die Dürre-Schwelle — die Episode endete entsprechend erst Mitte 2023.

Ein „Dürrejahr” im SPEI48 bedeutet also: Das Wasser-Konto der letzten 4 Jahre ist überzogen. Es regnet weiterhin, aber weniger als verdunstet — und die angesammelte Lücke kann selbst ein normaler Winter nicht sofort schließen.

Die Einordnung aus den Daten:

  • Beobachtung 1990–2026: 5 Dürreperioden, darunter die 60-monatige Episode 2018–2023 — die längste seit 1990.
  • Projektion bis 2040: Dürreperioden von 13–23 Monaten (z. B. 2039–41) — also 1–2-jährige Trockenphasen in dichterer Folge.
  • Projektion ab 2060: Im Szenario SSP4-6.0 sind 87–94 % aller Monate im Dürrebereich — dauerhafte Trockenheit würde zum Regelfall.

Projektions-SPEI48

⚠ Ehrliche Grenzen dieser Dürre-Abschätzung:

  1. Ein Modell, ein Szenario.
  2. Der Index nutzt temperaturbasiert geschätzte Verdunstung (Thornthwaite) — eine Vereinfachung.
  3. „Dürre” heißt im SPEI nicht „kein Regen”, sondern „Wasserbilanz negativ” — es regnet weiterhin, nur weniger, als verdunstet.

4. Die Kernbotschaften

Noch zur Erklärung die Grundlage der Projektionen bildet ein SPEI48 kumulierte Daten über einen Zeitraum von 48 Monaten. Dürre ist nicht gleich es regnet gar nicht.

  1. Bis 2040 wird es in Norddeutschland rund +1,9 K wärmer, die Zahl der heißen Tage verdoppelt sich (~6 pro Jahr), Dürrephasen von 1–2 Jahren werden regelmäßiger. Das ist ein deutlicher, aber kein katastrophaler Wandel — Zeit zum Handeln bleibt.
  2. Ab 2060 kippt das Bild im Szenario SSP-6.0: heiße Tage verdreifachen sich weiter (30/Jahr), 35-°C-Tage werden normal, die Sommer-Wasserbilanz verdoppelt ihr Defizit, Dürre wird Dauerzustand.
  3. Der 2018er-Hitzesommer — ein Extremjahr — ist im Jahr 2090 der Durchschnitt. Das ist eine Zahl, die hängen bleibt.
  4. Alles ist überprüfbar: Öffentliche Daten (CMIP6/CDS), ein nachvollziehbares Skript, offengelegte Korrekturen (Bias, PET-Fehler) — keine Blackbox. Wer das nicht glaubt kann gerne selbst nachrechnen.

Quellen & Methode

  • Daten: CMIP6-Projektion IPSL-CM6A-LR, Szenario ssp4_6_0 (CDS, „CMIP6 climate projections”), Variablen tas und tasmax (täglich, 2015–2099) und pr (Niederschlag); Beobachtung: AgERA5 (CDS).
  • Skripte im Ordner: projektion_extrahieren.py, projektion_grafik.py, projektion_pr_extrahieren.py, projektion_spei48.py, heisse_tage_projektion.py, sommer_projektion.py
  • Bias-Korrektur: Modell gegen AgERA5-Bobachtung im Überlappungszeitraum 2015–2024 (−1,69 K bei tasmax) → Projektion korrigiert.
  • SPEI-Projektion: Wasserbilanz (P − Thornthwaite-PET) über 48 Monate, standardisiert gegen 2015–2024.
  • SSP-Erklärung: siehe SSP_ERKLAERT.md im Ordner.