Wo entsteht Hochwasser? — Eine Risikokarte aus offenen Daten
19.09.2026
Artikel zu Ordner 05_waelder_hochwasser_grundwasser — für
Nicht-Wissenschaftler erklärt.
Die Frage
Wenn in Norddeutschland Starkregen fällt — wo kommt das Wasser zuerst an? Und warum? Zusammen mit einem LLM habe ich aus öffentlichen Daten eine Karte gebaut, die zeigt, welche Gebiete besonders hochwassergefährdet sind — und warum Wälder und Feuchtgebiete dabei eine Schlüsselrolle spielen.
Die Bausteine der Karte
Eine Hochwasser-Risikokarte kombiniert mehrere Faktoren. Wir haben drei genutzt — allesamt aus öffentlichen Copernicus-/CDS-Daten:
1. Flussnähe (der wichtigste Faktor)
Das Wasser sammelt sich in Flüssen. Wir haben das Flussnetz aus einem Hydrologie-Modell (E-HYPE, Schwedisches Wetterinstitut, angetrieben von ECMWF-Vorhersagen) extrahiert: Zellen mit hohem Abfluss = Flusszellen.
Regel: Je näher eine Fläche an einem Fluss liegt, desto höher das Überflutungsrisiko:
| Abstand zum Fluss | Risiko |
|---|---|
| unter 3 km | sehr hoch |
| 3–8 km | hoch |
| 8–15 km | mittel |
| über 15 km | gering |
Die Karte färbt diese Zonen in Gelb→Orange→Rot.
2. Feuchtgebiete („temporary wet” in CORINE)
Die CORINE-Landbedeckung (Copernicus, 2018, 100 m-Auflösung) enthält die Klasse „Feuchtgebiete” (Sümpfe, Torfmoore, Salzwiesen, Watt — im Viewer als „temporary wet” sichtbar). Das sind Flächen, die regelmäßig überflutet werden — sie liegen in den natürlichen Ausbreitungsgebieten der Flüsse. Auf der Karte sind sie lila markiert.
Wichtig: Feuchtgebiete sind zugleich Risiko- UND Schutzflächen: Sie zeigen, wo Wasser hinkommt — aber wenn sie intakt sind, schlucken sie genau dort die Hochwasserwellen. Wer sie bebaut oder entwässert, verliert den natürlichen Puffer.
3. Versiegelung und Wald (die Beschleuniger und Bremsen)
| Landbedeckung | Effekt aufs Wasser |
|---|---|
| Versiegelte Flächen (Städte, Straßen, Industrie — CORINE 1.x) | Regen läuft sofort ab, nichts versickert → Hochwasser schneller und höher |
| Wald (CORINE 3.1x) | Kronendach + Humus + Wurzelkanäle → Wasser versickert langsam → Hochwasser gedämpft |
| Acker/Offenland | Mittelweg, hängt vom Boden ab |
Die Karte hat dafür eigene Layer (rot = versiegelt, grün = Wald), die man einzeln ein- und ausblenden kann.
Was die Karte zeigt
Beim Öffnen der interaktiven Karte:
- Rote Bänder entlang der Flüsse — die Elbe bei Hamburg, die Weser bei Bremen, die Leine durch Celle, die Aller, die Ems — das sind die Primär-Risikozonen.
- Lila Flecken in den Flussauen — die Feuchtgebiete: sie liegen exakt in den roten Bändern. Das bestätigt: Die Natur „weiß” schon, wo das Wasser hinkommt.
- Rote Flächen in den Städten — Versiegelung: Hannover, Braunschweig, Celle erscheinen als Abfluss-Beschleuniger.
- Grüne Flächen — die Wälder (z. B. die Südheide): Retentionsflächen.
Zum Ausprobieren (links-unten in der Ecke): Den Layer „Waldanteil” einschalten und über die Südheide fahren — man sieht die großen grünen Blöcke. Dann „Versiegelung” einschalten: Die Städte leuchten rot. Die Kombination aus beidem zeigt die Geschichte des Wassers: Wo viel Beton liegt, kommt es schnell an; wo Wald liegt, wird es gebremst.
Warum Eschede/Unterlüß „nichts mitbekommen”
Die Karte erklärt auch das Phänomen aus unserer Region (siehe Ordner 04 und 11): Bei Starkregen blieb Eschede trocken, während Celle überschwemmt wurde. Drei Gründe, die die Karte sichtbar macht:
- Eschede liegt nicht in Flussnähe — keine rote Zone.
- Sandboden versickert schnell (Ordner 04: 0,218 m³/m³ Speicherkapazität, aber hohe Durchlässigkeit) — der Regen geht in die Tiefe statt abzufließen.
- Viel Wald (Südheide) puffert zusätzlich.
Celle dagegen: liegt an der Aller/Leine (rote Zone), auf Lehm (weniger durchlässig) und das Einzugsgebiet sammelt das Wasser aus dem ganzen Umland.
Die ehrlichen Grenzen (wichtig für die Diskussion!)
- Statische Karte, keine Vorhersage. Die Karte zeigt, wo das Risiko am größten ist, WENN es stark regnet. Sie sagt nicht, WANN das nächste Hochwasser kommt — das braucht Wetter-/Vorhersagedaten (z. B. die saisonalen E-HYPE-Vorhersagen aus Ordner 10).
- Modell-Daten. Das Flussnetz kommt aus einem Hydrologie-Modell (E-HYPE), nicht aus Vermessung. Die Landbedeckung (CORINE) ist von 2018 — neuer Bebauung fehlt.
- Grobe Auflösung. Die Zellen sind 5 × 5 km (E-HYPE) bzw. 100 m (CORINE). Für Grundstücks-genaue Aussagen reicht das nicht — für die Regionaleinschätzung schon.
Was das für die Klima-Debatte bedeutet
Die Karte ist ein Beweis, dass Landnutzung Hochwasser steuert:
- Versiegelung macht Dürren UND Hochwasser schlimmer — nichts kann versickern, alles fließt ab.
- Wälder und Feuchtgebiete sind die billigste Hochwasser-Infrastruktur — sie halten das Wasser zurück, wo es fällt (siehe auch Grundwasser-Erholung in Ordner 11: Sand + Wald = schnelle Neubildung).
- Jede Neuversiegelung ist eine Hochwasser-Investition in die falsche Richtung. Jeder Quadratmeter Beton über der Flussaue erhöht den Pegel für alle unterhalb.
Die positive Botschaft: Die Risikokarte zeigt gleichzeitig, WO man anfangen sollte — Auen reaktivieren, Feuchtgebiete schützen, Entsiegelung in den roten Zonen. Das ist bezahlbar, nachprüfbar (die Karte ist aus offenen Daten reproduzierbar) und wirkt direkt.
Methode & Datenquellen
- CORINE Land Cover 2018 (100 m-Raster, Copernicus Land Monitoring,
EPSG:3035). ⚠ Die Raster-Werte sind 1–2-stellig (1–44), NICHT die
3-stelligen CLC-Codes — die Klassen-Legende steht in
DATEN.md. - Flussnetz: E-HYPE
rdis(CDS „Multi-model hydrological seasonal forecasts”, ECMWF-s51, Median über 51 Member und 69 Monate) — Cache influssnetz.csv. - Skripte:
flussnetz_cachen.py,hochwasser_risikokarte.py - Karte:
/assets/karten/hochwasser_risikokarte.html(folium, interaktiv)